Jesus Christus spricht: Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.
Kinder sind von Natur aus nicht hektisch. Vielleicht in unseren Breiten, wo Kinder in einem Alltag aus Schule und Hobbies und Verpflichtungen bestehen müssen, da wirken auch schon Kinder manchmal gestresst. Wenn man Kindern aber Zeit gibt, können sie alles vergessen, lassen sich einfach treiben, sind immer neugierig auf das, was kommt. Zeit ist noch ein weit dehnbarer Begriff in der Kindheit. Warten auf etwas Schönes – Warten auf Weihnachten – kann für ein Kind zu einer Geduldsprobe werden, aber es bleibt letztendlich eine schöne Geduldsprobe, weil so viel Erwartung auf Freude dahintersteckt.
Die Kinder auf diesem Bild rechts leben in Kolumbien.
- Gott kommt menschlich in unsere Welt, wenn auch ganz anders als erwartet: mitten hinein und doch auch abseits des pulsierend-hektischen Lebens.
- Und er ist bei all denen, die nach menschlichem Ermessen schwach und arm sind und ohne Obdach.
Zu erkennen gibt er sich Menschen, die sich öffnen für das Besondere und Einmalige, das an Weihnachten passiert ist.
Wir alle haben Sehnsucht nach dieser anderen Welt. Sehnsucht, inmitten der Hektik und des Getöses, von Glitzer und Jingle Bells und über die vielen Geschenke hinaus, Weihnachten zu erfahren – die Ruhe und den Frieden, die uns verheißen sind. Erfüllung und Geborgenheit, die der Engel verkündet über einem schäbigen Stall, ganz am Rande der Welt. Denn das ist doch das Unglaubliche, das wir als Christinnen und Christen gegen alle Erfahrung glauben und weitergeben: Gott mit seiner unermesslichen Größe ist sich nicht zu schade, im anscheinend Kleinen und Geringen zur Welt zu kommen. Er braucht nicht die große Bühne und die Scheinwerfer des Rampenlichts, kein „next Topmodel“ und keine „Suche nach dem Superstar“, um sich selbst und das zur Sprache und zu Gehör zu bringen, was wirklich wichtig ist im Leben. Weihnachten bedeutet, dass Grenzen, die wir Menschen immer wieder setzen, aufgehoben werden und Unterschiede verschwimmen.
Das Leben und der Wert von Menschen lässt sich nicht daran bemessen, wie viel jemand hat oder was er alles kann und wie dick das Bankkonto ist. Eher vielleicht im Gegenteil, denn Reichtum kann dazu verführen, sich von den wesentlichen Dingen im Leben ablenken zu lassen: von der Hinwendung zu meinen Nächsten und der Liebe, die die Erfüllung unseres Lebens ist. Und auch vom Blick über die Zäune unseres Lebens, hinter denen es so vieles zu entdecken gibt, was vordergründig unsichtbar bleibt.
Gewalt mit Gewaltlosigkeit überwinden
Jesus Christus spricht: Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. (2. Korinther 12, 9) Dieser Bibelvers begleitet uns im kommenden Jahr als Jahreslosung, als eine Art Überschrift auf Schritt und Tritt, wenn man so will. Aus dem kleinen und schwachen Kind, das im hintersten Winkel der Welt in einer Futterkrippe im Stall zur Welt kam, ist der Messias geworden. Er hat nicht nach Reichtum und Wohlstand gestrebt, sich vielmehr für Liebe und Gemeinschaft unter den Menschen und die Überwindung von Gegensätzen und Grenzen eingesetzt und für eine gerechte Welt. In ihm finden die Gegensätze von „schwach“ und „mächtig“ zusammen zu einer neuen und unvergleichlichen Kraft.
Diese Kraft hat vielen von uns in der DDR-Opposition Ende der 80er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts Mut gemacht, sie hat uns regelrecht beflügelt, aufzustehen und auf die Straße zu gehen – gegen die Übermacht des Staates, die schließlich wie ein Kartenhaus zusammengebrochen ist: Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig! Da war kein Halten mehr. Mit unserer geballten Schwäche haben wir den übermächtigen Unrechtsstaat in die Knie gezwungen, Freiheit und Demokratie den Weg geebnet, Grenzen gesprengt. Die Geburt in einem Stall, der fernab von den großen Schauplätzen liegt und doch inmitten unserer Welt ist. Gott, der in den Schwachen mächtig ist. – Das sind Bilder unseres christlichen Glaubens, der alle menschlichen Einschätzungen und Werte umwertet und unsere aus den Fugen geratene Welt, die nach immer Mehr und immer Schneller schreit, wieder ins Gleichgewicht bringt: Gott kommt ohne Getöse und Gewalt in diese Welt, als ein Kind – zart, leise und klein. Sein Vorbild macht uns frei, ihm nachzufolgen und Gewalt mit Gewaltlosigkeit zu überwinden, die Hand zur Versöhnung auszustrecken, weil wir es nicht mehr nötig haben, nachzutreten. Das befreit zu einem Lächeln, anstatt weiter den Streit zu suchen.
Missgunst und Hass durchbrechen
Auch wenn das selbst nach menschlichem Maßstab schwach und klein ist, so hat es doch die große Kraft, die Spirale von Missgunst und Hass zu durchbrechen und die Welt mit anderen Augen wahrzunehmen – wie die Kinder auf dem Bild, die einen Blick über den Zaun wagen. Solch ein Blick kann verändern, er kann befreien von den Zwängen unserer Maßstäbe und hinführen zu einer kindlichen Offenheit. In jedem Menschen mit all seinen Gaben und Fähigkeiten können wir ein Kind Gottes sehen. Denn allen Menschen kommt die gleiche Würde zu, auch und gerade jenen, die in Ländern der Erde leben, in denen die Menschen wenig besitzen. Gott schließt niemanden aus und heißt alle willkommen. Und er befreit jene, die viel haben – damit sie ihre Herzen öffnen und abgeben können von ihrem Überfluss.
Dem Öffnen folgt das Handeln
Bei „Brot für die Welt“ folgt auf den Blick über den Zaun konkretes Handeln und gelebte Nächstenliebe. Alle Menschen sollen satt werden auf dieser Erde mit ihren reichen Gütern, kein Teller soll leer bleiben: Das ist die Utopie, für die „Brot für die Welt“ seit vielen Jahrzehnten kämpft. Diese Utopie, gepaart mit der Aufforderung zu konkretem Handeln, wird drastisch vor Augen geführt, wenn – wie auf einem Plakat von „Brot für die Welt“ – unter einem schlichten Teller mit einer kleinen Portion Reis der Slogan zu lesen ist: „Weniger ist leer.“ Wenn wir in den reichen Ländern behaupten können, dass „Weniger mehr“ ist und dass sich der Verzicht auf allzu viel Luxus und Konsum lohnt und zum wirklichen Leben befreit, mahnt das „Weniger ist leer“ hingegen, abzugeben und zu teilen. Dieser Blick über den Zaun auf das, was mit Weihnachten in die Welt kam, ermuntert und befreit uns, sich für eine gerechte Welt einzusetzen, in der alle satt werden sollen – als Kinder Gottes unter dem einen großen Himmel, der sich über alle spannt.
Katrin Göring-Eckardt
(evangelische Theologin, Bundestagsabgeordnete von Bündnis 90/Die Grünen, Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages und Präses der Synode der EKD)
Quelle: www.brot-fuer-die-welt.de